Partnerschaft für Demokratie

Interview zum Schabat: Unsere Reihe zum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“

Bereits seit 1700 Jahren leben im deutschsprachigen Raum Menschen jüdischen Glaubens. Das besondere Jubiläum wird bundesweit festlich gefeiert. Auch wir haben zu diesem Anlass etwas Extra vorbereitet: Eine Interviewreihe unter dem Titel „Interview zum Schabat“. Jeden Freitagabend – eben zum Schabat – werden wir ein Interview mit einer faszinierenden Person veröffentlichen: Mit Vertretern der jüdischen Gemeinden, starken Frauen, Rabbinern, Engagierten, die sich mit der Geschichte der Juden in MV beschäftigen etc. Auf diese Art und Weise möchten wir die Vielfalt des jüdischen Lebens in Deutschland zeigen und gleichzeitig spannende Geschichten von Menschen präsentieren, die zu dieser wunderbaren Vielfalt beitragen .

Heute veröffentlichen wir den ersten Teil des Interviews mit Landesrabbiner des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern Yuriy Kadnykov. Das Gespräch fand am 10. Mai 2021 online statt und dauerte ca. zwei Stunden. Wir stellen Euch heute sehr gerne den ersten Teil des Interviews vor. Der zweite und der dritte Teil werden wir am 11. und. 18. Juni am Freitagabend veröffentlichen. Wir wünschen Euch eine angenehme Lektüre!

Aleksandra Brandt (Partnerschaft für Demokratie): Herr Kadnykov, erzählen Sie bitte etwas über sich:

Ich bin Landesrabbiner in Mecklenburg-Vorpommern. Dieses Amt bekleide ich seit April 2015, als mein Vorgänger Rabbiner William Wolff aufgrund seines Alters am Gemeindeleben nicht mehr teilnehmen konnte. Ich bin Jahrgang 1975, komme aus der ehemaligen Sowjetunion und bin auf der Krim geboren. Seit 2003 bin ich in Deutschland. Ich bin hierhergekommen, um für das Rabbineramt zu studieren und dann bin ich hiergeblieben.

Aleksandra Brandt: Was heißt für Sie „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“?

Als ich die Formulierung zum ersten Mal gehört habe, habe ich überlegt, dass es um das Jahr 300 ja noch kein Deutschland im heutigen Sinne gab. Deshalb können wir eher über „1700 Jahre jüdisches Leben in den Grenzen des heutigen Deutschlands“ sprechen. In unserem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ist die jüdische Geschichte nicht so alt. Bevor das gesamte Gebiet um das Jahr 1000 germanisiert wurde, gab es kleinere jüdische Gemeinden, die während der Pestzeit bzw. während des Kreuzzugs aus diesem Gebiet vertrieben wurden. Ungefähr 1492, als Kolumbus seine Schiffe nach Westen gerichtet hat, wurden die letzten Juden aus Sternberg und somit aus dem heutigen Mecklenburg-Vorpommern vertrieben.

Aleksandra Brandt: Was denken Sie: Ist den Menschen in Deutschland wenig oder viel über jüdisches Leben bekannt?

Mein Bauchgefühl sagt mir, oder anders – nach meiner Erfahrung und jetzt ohne empirische Studien zu berücksichtigen – gibt es in Deutschland ganz geringe Kenntnisse über das Judentum. Wenn man etwas weiß, dann über die Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus. Es gibt natürlich Initiativen, Menschen, die sich für diese Themen interessieren und einsetzen, die haben sicherlich tiefere Kenntnisse, aber insgesamt, wenn wir jetzt auf die breite Bevölkerung schauen, haben die Menschen kaum Erfahrungen mit dem Judentum bzw. mit dem jüdischen Leben oder mit Menschen des jüdischen Glaubens. Wenn sie in der Schule gute Lehrer hatten, haben sie, außerhalb der Verfolgung von Juden im Nationalsozialismus, etwas darüber gelernt, haben auch Synagogen besucht oder jüdische Zentren, wo die Geschichte dargestellt wird, aber insgesamt würde ich das Wissen als sehr gering einschätzen. Es gibt sicherlich einen großen Nachholbedarf.

Aleksandra Brandt: Und was kann man machen, um das Wissen über jüdische Kultur, jüdisches Leben und die Religion zu stärken?

Es gibt aus meiner Sicht bestimmt einige Säulen und / oder einige Aufgaben. Eine davon ist die Schulbildung.

Das ist natürlich ein großes Problem, weil das Schulwesen nach Lehrplänen gestaltet ist. Die Lehrpläne beinhalten sehr viel, und noch Wissen über jüdisches Leben da reinzustecken ist schwierig. Aber wir würden sehr froh sein, wenn in Schulbüchern insgesamt über das jüdische Leben und nicht nur über die Verfolgung während der NS-Zeit geschrieben wird, sondern zum Beispiel auch darüber, welchen Beitrag Juden für die deutsche Kultur oder für das deutsche Rechtssystem leisteten. Es sollten nicht nur diese stereotypischen Darstellungen von orthodoxen Juden in ihren typischen Kleidern – Männer in schwarzer Kleidung – wiedergegeben werden, weil das nicht die Vielfalt ist, die wir im Rahmen der jüdischen Kultur, die wir früher gehabt haben oder heute in Deutschland erleben. Es ist wenig bekannt, dass das liberale Judentum hier im deutschsprachigen Raum im 18. Jahrhundert entstanden ist und von hier aus die Bewegung auch außerhalb des deutschsprachigen Raumes beeinflusste. So werden z.B. die Gebete in der Landessprache gesprochen: in Russland auf Russisch, in Polen auf Polnisch etc. Das gab es im Jüdischen schon vor mehreren Tausend Jahren, im katholischen Gottesdienst dagegen erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Aber auch die berühmten großen Warenhäuser, Passagen oder Arkaden wie z. B. das KaDeWe („Kaufhaus des Westens“) auf dem Kudamm, in Berlin, waren auch gewissermaßen Erfindungen von damaligen Juden, die in Deutschland gelebt haben. Sie kamen auf die Idee mehrere Waren in einer großen Halle zu verkaufen und die Menschen konnten nicht nur Unterschiedliches einkaufen, sondern auch Kontakte aufrechterhalten. Und das alles kam von den Menschen des jüdischen Glaubens und die meisten wissen solche Sachen nicht. Man könnte einige Stunden darüber in den Schulunterricht integrieren.

Die andere Säule ist die politische Bildung in unserem Land, dass man nicht nur im Rahmen der schulischen Bildung etwas über jüdische Kultur lernt, sondern auch im Rahmen der Erwachsenenbildung. Ich meine hier verschiedene Weiterbildungen, während derer den Menschen nicht nur die Geschichte, sondern auch der Alltag und die Traditionen jüdischen Lebens bekannt gemacht werden. Das wäre gut, um die Horizonte der Menschen zu erweitern, weil die meisten im erwachsenen Alter natürlich andere Fragestellungen haben als die Schulkinder und/oder Jugendliche.

Und die dritte Säule wären persönliche Begegnungen wie z.B. der Besuch der jeweiligen Synagoge, der Gemeindezentren usw. – einfach um im Austausch zu bleiben.

Aleksandra Brandt: Wie könnte man diese Begegnungen von erwachsenen Menschen mit dem jüdischen Glauben ermöglichen? Kann man über das Judentum über Medien, wie zum Beispiel Netflix-Serien, erfahren?

Jein. Gewiss ist, dass man ein bestimmtes Interesse wecken muss, da wir – die modernen Menschen – viele Anreize aus unseren Smartphones, Fernsehern etc. erhalten. Viele sind jedoch vor allem mit dem eigenen Alltag beschäftigt. Der große Psychoanalytiker Maslow, der übrigens auch jüdischer Abstammung war und der in Kiev geboren ist, hat seine Pyramide entwickelt – und klar, erst wenn die Menschen ihre Grundbedürfnisse befriedigt haben, spielen die weiteren Bedürfnisse, wie z.B. das Kulturelle, eine große Rolle. Aber bei den modernen Medien gibt es einige Gefahren: Ein Film ist eine Darstellung von bestimmten Schauspielern und der Blickwinkel eines Regisseurs. Das darf man nicht vergessen, das Leben ist immer komplexer.

Aleksandra Brandt: Sie meinen, dass ein Film bereits eine bestimmte Interpretation ist?

Richtig, eine Interpretation, deshalb sind die Filme bestimmt schöne Medien, die man als ersten Anreiz betrachten kann, sich mit dem Thema zu beschäftigen, um dann weiter eine eigene Recherche zu betreiben. Viele Menschen sind von der Traumfabrik  „Hollywood“ beeinflusst. Viele denken, dass das Leben so aussieht, wie in manchen Filmen. Das ist leider nicht der Fall. Dort werden nur bestimmte Themen angesprochen. Aber wenn man denkt: So ist das Leben, dann wird man enttäuscht. Und das ist mit jedem Medium so: Sie stellen nur einen kleinen Teil der Wahrheit dar, aber das Wissen, dass dies nur ein Ausschnitt ist, kommt erst mit einer bestimmten Reife. Allein die Medien: nein, aber als ersten Einstieg: ja, um das Wissen später zu vertiefen.

Der zweite Teil des Interviews folgt am 11. Juni.